Diese Internetseite wird gesponsort von:

Applaus für eine "grässliche Hurengeschichte"

Ein tiefer Abgrund klafft bekanntlich zwischen unserem Hollywood-Bild der Liebe als Himmelsmacht, die zwei Menschen vereint, auch wenn Klasse, Vermögen oder Bildung sie trennen, und dem realen Heiratsverhalten laut Statistik. Als Fontane 1887 über die chancenlose Liebe zwischen einem jungen Baron und einer Schneidermamsell schrieb, machte man sich da noch viel weniger Illusionen.
Im Kaiserreich mit seinem Klassenwahlrecht galt die Standesheirat so fraglos  als richtig wie getrennte Klos für Schwarze und Weiße 1950 in Alabama. Selbst der Zeitungsbesitzer, der in Fortsetzungen Fontanes Roman brachte, tadelte die "grässliche Hurengeschichte" heftig, zumal Lene Botho moralisch überlegen scheint. Seine Cousine Käthe, die er des Geldes wegen heiratet, ist im Roman und ganz gewiss im Video in der Katakombe eine blöde, reiche Schnepfe, die Heiratspraxis des Adels ein inzestuöser Sumpf. Am Ende aber bleibt alles beim Alten: Lene und ihr Mann Gideon stehen ärmer aber besser da als Botho mit Käthe.
Carola Moritz ( auch als Lenes Pflegemutter Nimptsch, Diener und leichtes Dämchen), leistet mit ihrer Bühnenfassung ordentliche Arbeit. Dass das Ergebnis beim Premierenpublikum zu Recht gut ankam, lag vor allem aber an den Darstellern, besonders Carolin Sophie Göbel als Lene und Artut molin als Botho: ein Liebespaar à la "Kabale und Liebe".
Bedenkt man Mittel und möglichkeiten, so tragen der Bauzaunkäfig und die Sitz- und Bauklotzwürfel, die sich zu noblem Polster, Gartenidyll , Stein oder Schwärze ordnen, zur kritischen Spiegelung der Handlung bei. "Alea iacta est" heißt hier: Wo uns das Schicksal hinwürfelt, entscheidet unser Glück. Liebe hat da oft so wenig zu bestellen wie Klugheit oder Können.
Frankfurter Neue Presse, 17. 2. 2012

Strafe für schwache Männer

Die Frankfurter Katakombe hält Abstand zu Fontanes "Irrungen, Wirrungen"
Theodor Fontanes Roman wird in der Katakombe zwangsläufig auf eine Novelle eingedampft. Dramaturgisch gelingt das gut: 130 Minuten für die letzlich nüchtern zu betrachtende Geschichte von Lene und Botho, die nicht zusammen glücklich werden konnten. Baron Botho muss standesgemäß und vor allem finanziell sinnvoll heiraten, die brave Lene, mit dem kleinbürgerlichen Milieu illusionslos sich arrangierend, ebenso.
Die Mittel des kleinen Theaters sind begrenzt wie die der hoffnungslos Liebenden, aber die Frankfurter machen was draus.
Die Bühne wird von einem unerwartet brauchbaren Bauzaun gefasst, Käfig, Blumenhalter und vieles mehr. Die Kulissenwürfel können Wiesen und Sitzlandschaften nachstellen. Das Personal wurde auf das notwendigste beschränkt, hier die heiter-erste, glasklare Lene von Carolin Sophie Göbel, dort der angenehme Botho von Artur Molin, hinter dessen Freundlichkeit aber eine Schwäche auf ihn und seine Umgebung lauert, die geradezu ins Flackernde übergehen kann. Den Rest - liebe, bisweilen anstrengende Leute - teilen sich Hans Peter Gastiger, Gabriele Nickolmann und Regisseurin Carola Moritz gerecht und wandlungsfähig.
Die kurzen Spielszenen, die aus dem Dunkeln auftauchen und von ihm wieder beendet werden, sind kühlen Blutes dargeboten, den Vorgängen entsprechend... Vielsagend die Playstation-Soldatenspiele der Offiziere. Überhaupt kommt das Grobschlächtige im Herrenkreis gut zur Geltung...
Per Video zugeschaltet wird Bothos Vernunftbraut, Felicia Groh als belebende, entsetzliche Kichererbse. Natürlich aber tröstet es, den schwachen Mann dermaßen bestraft zu sehen.
Frankfurter Rundschau, 18.2.2012

Tragisch verliebter Aristokrat

Als Offizier verdient Botho von Rienäcker 9.000,-- im Jahr, gibt aber 12.000,-- aus. Damit ist er nicht mehr Herr seiner Entscheidungen. Das signalisiert ihm der Vater seiner heiratswilligen Cousine. Auch dem Helden wird klar, was alle längst wissen: Bothos Affäre mit Lene, der Büglerin, hat keine Zukunft.
Fontanes Roman "Irrungen, Wirrungen" kreist um den klassischen Aristokraten mit Militärkarriere, der sich, wie es sich gehört, täglich königlich amüsiert. Die Zufallsbegegnung mit einem jungen Ding ist da normalerweise nur ein  weiterer Programmpunkt .  .  .
Die Bühnenfassung von Fontanes Roman, von Carola Moritz für die Katakombe in einem Käfig aus Bauzaun-Elementen in Szene gesetzt, nimmt die sozialen Realitäten des späten 19. Jahrhunderts einfach hin und konzentriert sich auf die Konfrontation der Milieus.
Die reiche Cousine: ein paar falsche Locken, dicke Backen und eine Plappetrzunge reichen aus, einen Alptraum zu verkörpern.
Im Zusammenspiel mit Carolin Sophie Göbel (Lene) der jungenshaft agierende  Artur Molin (Baron): Identifikationsfiguren in einem Spiel um idealistische Erwartungen und realistische Erfahrungen .  .  . 
Frankfurter Allgemeine Zeitung  v. 17.2.2012


Berlin, Ende des 19. Jahrhunderts

Eine junge Liebe, in sich so klar und aufrichtig, aber doch völlig aussichtslos: Für die mittelloEse Lene bleibt ihr wohlhabender Baron nichts anderes als ein süßer Sommertraum. Das Glück der beiden und dessen zartes Zerbrechen scheinen durch die Darsteller der Katakombe förmlich spürbar zu werden. Geschickt inszeniert mit Videoeinblendungen, die die Absurdität der anderen Welt lebhaft vor Augen führen sowie heiteren Doppelbesetzungen wird ein Stück Alltag so zum Erlebnis.
Damit dürfte Fontanes Klassiker um die Irrungen und Wirrungen der Gesellschaft , die stets vorhandenen Agressionen und die Hilflosigkeit auch über hundert Jahren nach seinem Erscheinen noch jedem verzweifelt Liebenden aus der Seele sprechen.
Frizz, Ausgabe März 2012