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Wenn es um Heine ging -

wurde in Deutschland seit eh und je scharf geschossen.
Ein geborener Provokateur war er und ein ewiger Ruhestörer. Er traf die schmerzhaftesten Wunden seiner Zeitgenossen, er kämpfte tatsächlich mit offenem Visier. Er ging ins Exil, um nie in Deckung gehen zu müssen. Seine Biographie reicht vom jüdischen Mittelalter bis zur europäischen Neuzeit, sein Werk führt von der deutschen Romantik zur Moderne der Deutschen.

Ihm gelang die totale Entpathetisierung der deutschen Dichtung. Indem Heine die Sprache der Literatur entrümpelte und modernisierte, schuf er die wichtigste Voraussetzung für ihre Demokratisierung. Ihm glückte die Überwindung der Kluft zwischen der Kunst und der Wirklichkeit, zwischen der Poesie und dem Leben.
So wurde er der bedeutendste Journalist unter den deutschen Dichtern und der berühmteste Dichter unter den Journalisten der ganzen Welt. Er bewies, dass es möglich ist, ein politischer Dichter zu sein, ohne ein dichtender Politiker zu werden.

Sein Werk widerlegt die Behauptung, dass man sich in den Elfenbeinturm zurückziehen müsse, wenn man ein Artist bleiben möchte. Stets setzte er sich zwischen alle Stühle. Und fast will es scheinen, als sei da immer noch sein Platz. Aber es spricht nicht gegen Heine, dass sein Werk uns immer wieder beunruhigt.

Seine Verse haben das erotische Klima jener Epoche geprägt, gesteigert, und bisweilen sogar erzeugt. Von ihnen ließen sich die Menschen ermuntern und ermutigen, sie ließen sich zur Liebe drängen und führen, vielleicht auch verführen. Um sich ihrer Hoffnungen und Enttäuschungen, ihres Glücks und ihres Leidens bewusst zu werden, um für ihre Empfindungen einen Namen zu finden, griffen sie zu Heines Poesie.

Marcel Reich-Ranicki