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Humor und Würde

Einige werden fragen: Was, Scherze im "Urfaust", der Skizze zu "Faust, der Tragödie erster Teil? Ja, Scherze in der Tragödie!
Als der junge Goethe den Urfaust schrieb, stand er unter einem großen künstlerischen Erlebnis: er hatte Shakespeare gelesen. Und beim Shakespeare gibt es die berühmte Mischung von Ernst und Spaß, gibt es die Rüpelszenen in den Tragödien, die seine Werke so lebendig und realistisch machen.
Es ist zweifellos die berühmte deutsche Misere, die uns die Lustspiele gekostet hat, die Goethe hätte schreiben können. Selbst auf den "Faust" hat sich in den letzten hundert Jahren in der Spielwiese unserer Theater zentnerweise Staub niedergelassen.
In den tragischen Partien ist das Zarte niedlich, das Großartige großtuerisch, ist die Verzweiflung repräsentativ, das Stürmische dekorativ geworden. Die lustigen Partien sind, der Würde des Ortes (nämlich des meist staatlichen Theaters) entsprechend und Rechnung tragend der Bedeutung eines Klassikers, matt, trocken und vor allem ideenlos geworden.
Der wahre Respekt vor den klassischen Werken muss aber der Größe ihrer Ideen und der Schönheit ihrer Formen gelten, und er wird auf dem Theater dadurch gezollt, dass die Werke produktiv, phantasievoll und lebendig aufgeführt werden. Zwischen Würde und Humor besteht kein Gegensatz. In den großen Zeiten erschallte vom Olymp herab Gelächter.
Bertolt Brecht